Manager im Cockpit

Teamwork über den Wolken

Welche Aufgaben hat die Crew bei einem Langstreckenflug? Und nach welchen Regeln kommuniziert sie im Cockpit? Begleite den Linienflug einer Boeing 747-400 von Frankfurt nach San Francisco und erfahre mehr über die Abläufe an Bord. Soviel vorab: Wer ein Flugzeug sicher ans Ziel bringen will, muss ein Teamplayer sein.

An Bord eines Passagierflugzeugs trifft der/die Kapitän/in die Entscheidungen. Und doch ist er oder sie kein „Alleinherrscher“. Als Manager im Cockpit ist es seine Aufgabe, komplexe Situationen im Team zu meistern. Einander Zuhören, wechselseitige Kontrolle und klare Kommunikation sind Voraussetzungen für richtige Entscheidungen in der Luft.

 

Frankfurt International Airport, 7 Uhr. In 70 Minuten soll die Boeing 747-400, Destination San Francisco, abheben. Die Arbeit des Kapitäns und der zwei First Officer beginnt jedoch schon jetzt, im Briefingraum. Welche Route wurde vom Dispatch geplant? Wie ist das Wetter über dem Nordatlantik? Welche Ausweichflugplätze sind vorgesehen? Meldet ein Flughafen Besonderheiten wie Baustellen? Wurde die Maschine zuletzt repariert?

 

Anschließend beugen sich die Kollegen über die Wetterkarte am Monitor. Werden Stürme oder Gewitter gemeldet? Oder, je nach Jahreszeit, Schnee oder Eis? Auf Basis der Wetterdaten müssen sie gemeinsam eine wichtige Entscheidung fällen: Wieviel Kerosin soll in den Tank der Boeing fließen? Es sollte nicht zu viel sein, damit die Maschine nicht schwerer ist als nötig. Zugleich muss es genug sein, um auf Unvorhergesehenes vorbereitet zu sein.

Ein bisschen wie beim Bergsteigen

Nebenan: Auch die Kabinencrew bereitet sich vor. Anschließend findet man sich zu einem zweiten gemeinsamen Briefing zusammen. Viele Kollegen kennen sich schon, andere sehen sich zum ersten Mal, aber beim Fliegen ist es ein bisschen wie beim Bergsteigen: Alle duzen sich, Bekannte rufen einander beim Spitznamen. Mit Formalitäten hält man sich nicht auf, wichtiger ist professionelle und präzise Kommunikation. Nach einer halben Stunde sind alle Fragen geklärt, und ein Bus bringt die Crew über das Vorfeld zur Maschine.

 

Im Cockpit angekommen, arbeiten sich Kapitän und ein First Officer durch den Pre-Flight-Check, ein wiederkehrender Ablauf aus Sicherheitsroutinen, bei dem Computer, Systeme und Funktionen geprüft werden. Dann ist der Moment da, in dem der Pilot die Boeing endlich zur Startbahn rollen kann. Wenig später beschleunigt die Maschine auf etwa 280 Stundenkilometer. Sekunden später drückt der Kapitän den Schubhebel auf der Runway 07C nach vorn. Eine kleine Handbewegung, und die Boeing – rund 350 Tonnen Startgewicht und rund 500 Passagiere im Bug – hebt ab.

 

Piloten beschreiben den Moment, in dem man das erste Mal durch die Wolkendecke bricht, als magisch. Egal, wie viele Starts man schon hinter sich hat, dieses Gefühl ist überwältigend. Wer bei grauem Himmel in Frankfurt aus dem Haus geht, freut sich daher umso mehr, denn er weiß: Über den Wolken scheint stets die Sonne.  

 

Überhaupt steht heute eine Traumroute auf dem Programm: Frankfurt-San Francisco, 9140 Kilometer Luftlinie. Die Maschine fliegt über die Nordsee Richtung Grönland. Dann geht es stundenlang über die Arktis. Polare Hochdruckgebiete sorgen hier meist für klare Sicht auf endlose Eislandschaften. Eine überwältigende Aussicht, aber im Cockpit zählen auch jetzt vor allem: strukturierte Abläufe und Arbeitsroutinen. Gefühle sind Nebensache, denn Turbulenzen oder Unregelmäßigkeiten können jederzeit auftreten. Für die Cockpit-Crew heißt das: Den gesamten Flug über fokussiert und wachsam sein.

 

Im Cockpit herrschen Disziplin und Vertrauen

Kapitän, Erster Offizier: Obwohl viele Begriffe in der zivilen Luftfahrt ans Militär erinnern, so herrscht in Passagiermaschinen kein streng hierarchisches System. Im Gegenteil: Jede Meinung im Team soll gehört werden. Auch vage Gefühle werden ernstgenommen. Die Zeiten, in denen der Kapitän seine Mannschaft von oben herab regierte, gehören der Vergangenheit an. Wenn eine wichtige Entscheidung ansteht, sprechen die drei im Cockpit sitzenden Piloten nacheinander. Erst spricht der jüngste, der mit dem niedrigsten Rang. Dann äußert sich der mit den nächsthöheren Rangabzeichen. Nachdem er beide gehört hat, entscheidet der Kapitän.

 

Disziplin und Vertrauen statt Ellbogenmentalität und Machtdenken: Diese Art der Zusammenarbeit in der Luft hat System – und das System hat einen Namen: CRM – Crew Ressource Management. Es stellt sicher, dass Entscheidungen hinterfragt und geprüft werden. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass der Flugverkehr sicherer wird, wenn an Bord ein Klima herrscht, in dem jedes Crewmitglied seine Meinung nicht nur äußern darf, sondern soll.

 

Für stressige Situationen und Ereignisse gibt es unterschiedliche Strategien und Manuals, die bei der Entscheidungsfindung helfen. Eine Strategie ist ein von der NASA entwickeltes Modell, das hilft, Optionen und Risiken strukturiert abzuwägen. Sein Name ist FOR-DEC, ein englisches Akronym. „F“ steht für „Facts“ und kann ein medizinischer Notfall im Passagierraum sein.  „O“ steht für „Options“: weiterfliegen oder landen? Nun müssen „R“, also die „Risiken“, bedacht werden. Es folgen „D“ für Decision (Entscheidung), „E“ für Execution (Ausführung) und „C“ für „Check“, die finale Prüfung der Situation.

Über den Wolken gibt es nur das Miteinander

Über Kanada gibt es plötzlich Turbulenzen, unruhige Luftschichten lassen die Boeing ruckeln und einige Meter absacken. Die Anschnallzeichen leuchten auf. Für die erfahrenen Langstreckenpiloten und die Servicecrew ist das alles kein Grund zur Beunruhigung. Doch wie reagieren die Passagiere? Der Kapitän entscheidet sich, eine Durchsage zu machen. Er teilt den Fluggästen mit, dass er alles im Griff hat. Eine Weile noch herrscht Wellengang in den Getränkebechern, dann fliegt die Maschine wieder durch ruhigere Luftschichten.

 

Piloten benötigen nicht nur fliegerisches Know-How. Sie bewegen sich in einem komplexen Umfeld technischer und menschlicher Faktoren. Läuft die Technik? Wie ist das Wetter? Wie geht es den Passagieren? Wie arbeitet die Crew? Wer ein Flugzeug sicher ans Ziel bringen will, muss ein Teamplayer sein. Einer, der zuhören, aber auch entscheiden kann. Einer der verstanden hat, dass ein Flugbegleiter, der seine Arbeit gewissenhaft erledigt und beim hundertsten Kontrollgang eine brennende Zigarette auf der Bordtoilette findet, ebenso zum Erfolg beiträgt, wie der Pilot, der die sanfte Landung hinlegt. Über den Wolken gibt es nur das Miteinander.  

 

Nun wird es im Cockpit wieder betriebsam. Ein weiteres, intensives Briefing steht an, Flughafendaten und Besonderheiten des Landeanflugs werden analysiert. Wenig später verlässt die Boeing ihre Reisehöhe von 36.000 Fuß und geht in den Sinkflug. Sie gleitet durch ein paar Schäfchenwolken, dann sind die berühmten Klippen von Point Reyes und die glitzernde Bucht von San Francisco zu sehen. Wenig später setzt die Maschine sanft auf der Landebahn des San Francisco International Airport auf. Die Fluggäste verabschieden und bedanken sich. Dann wird es ganz ruhig in der Maschine.

 

Aufgabe erledigt. Nach elfeinhalb Stunden im Flugzeug checkt die Crew der Boeing aus Frankfurt im Hotel in San Francisco ein. Auf dem Flugplan steht in wenigen Tagen die nächste Langstrecke, Singapur. Bis es soweit ist, dürfen sich Piloten und Flugbegleiter ein paar Tag erholen. Zeit für einen Besuch am wilden Ocean Beach. Zeit, zu baden, Zeit zu surfen, Zeit für einen Drink mit Kollegen. Die Golden Gate Bridge, das ist klar, kennt die Crew längst: Sie ist in der ganzen Welt zu Hause.

Video

FASZINATION FLIEGEN

Im Video erzählen unsere Schüler/-innen, wie sie zur European Flight Academy gekommen sind, was sie antreibt und wie es sich anfühlt, endlich selbst zu fliegen.